Auf den Spuren von Ibrahim/Abraham

By William Ury

Heute ist der letzte Tag unserer Wanderung nach Hebron –al Khalil – der Stadt des Freundes. Nach elf bzw. vier Tagen Wanderschaft kommen wir an …

Wir sind früh aufgestanden, haben das Frühstück gegessen, das unsere Gastgeber Mohammed und Ibrahim zubereitet hatten und haben uns bei blauem Himmel und strahlendem Sonnenschein auf den Weg gemacht. Wir nehmen den letzten Anstieg zu den Hügeln in der Ferne, zum Dorf Beni Naim. Es ist ein steiles Stück, aber wir haben es gemeistert. Nach einer Stunde können wir unser Ziel in der Ferne sehen, ein einfaches altes Gebäude neben dem Dorf, das die Hügel überblickt. Die Abrahamstätte (maqam ibrahim), der Ort an dem Abraham die Zerstörung von Sodom und Gomorra aus der Ferne beobachtet haben soll, die weit unter ihm im Tal des Jordans stattfand. Es ist das perfekte Ziel für eine Pilgerreise – einfach und schön. Der Ausblick von oben ist atemberaubend – über die sanften grünen Frühlingshänge hinab in die Wadis – Täler – der Wüste, bis zum tiefsten Punkt der Erde – dem Toten Meer – und am Horizont zeichnen sich die Berge Jordaniens ab – der biblischen Regionen Moab und Edom.

Während wir außerhalb des Schreins stehen und die Aussicht genießen, erklärt uns George Rishmawi, unser Freund, Kollege und Führer, dass dieses Dorf der erste Ort auf dem Masar (Pfad) ist, auf dem er die folgenden Worte hörte: „Wir haben auf dich gewartet.“ Beni Naim ist in der Tat die Abrahamstätte, eine echte Perle unter den abrahamitischen Sehenswürdigkeiten, die sich von Mesopotamien bis Hebron und schließlich weiter nach Mekka ziehen. George erklärt uns auch, wie Abraham zum Friedensstifter zwischen den vier kanaanitischen Königreichen wurde, aus denen das alte Hebron bestand. Und es war seiner Arbeit zu verdanken, dass sie gerne zustimmten, eine alte Höhle zu kaufen, in der seine geliebte Frau Sarah beerdigt werden sollte.

Ich bin sehr bewegt, erinnere mich an die alte Geschichte, in der, wie es die Bibel beschreibt, Abraham mit Gott über die Gerechtigkeit seiner Zerstörung verhandelt. „Wenn ich fünfzig rechtschaffene Menschen finden kann, wirst du die Stadt dennoch zerstören?“ „Wie wäre es mit fünfundvierzig?“ Und so weiter, bis er bei zehn Menschen angekommen ist. Leider kann Abraham nicht einmal zehn Menschen finden. Mir wird das Herz schwer und ich kann mir lebhaft vorstellen, wie er sich fühlte als er der Zerstörung beiwohnte. Ein Mensch, der mit dem Allmächtigen über das Leben der Menschen verhandelt – vielleicht die älteste derartige Geschichte in den alten Schriften. Den Allmächtigen herauszufordern mag normalerweise den Tod und Schlimmeres bedeuten, aber Abraham ist ja der Freund Gottes. Und in meinem Buch macht ihn diese Geschichte zum Vater der Menschenrechte und der Verhandlung. In dieser Zeit, an diesem Ort, wo es so viele Konflikte und Ungerechtigkeiten gibt, gibt es keine besseren Werte als die Werte Abrahams, auf die man sich berufen und die man zu neuem Leben erwecken kann – Friede und Gerechtigkeit, Menschenrechte und Verhandlung.

Die Abrahamstätte, die in über eintausend Jahre alten Pilgergeschichten erwähnt wird, könnte nicht einfacher sein. Außer uns gibt es keine weiteren Besucher. Im Inneren gibt es einen eingezäunten Bereich mit einem Stück Fels, auf dem zwei Fußabdrücke, zwei Handabdrücke und der Abdruck einer Stirn zu sehen sind. Der Ort, an dem Abraham sich niedergeworfen haben soll. Es ist ein Ort der Demut und der Ehrfurcht.

Vom maqam aus machen wir uns wieder auf den Weg nach Hebron, durch ein reizendes kleines Tal mit blühenden Mandelbäumen, Olivenbäumen, Eichen, Steinzäunen, den grünen Feldern im Frühling, Schafherden und uralten Ruinen und Höhlen, in denen einst Menschen lebten … Wir machen ein Picknick unter einer alten Eiche und denken natürlich an Abraham, wie er unter einer großen Eiche saß, drei göttliche Besucher mit großer Herzlichkeit empfing und ihnen die Füße wusch. Wir suchen nach Eicheln, die zum Symbol für den Masar Ibrahim, den Abrahampfad, geworden sind und finden ein paar wenige, die noch nicht von den Ziegen verspeist worden waren.

Nach dem Mittagessen haben wir noch einen zweistündigen Marsch vor uns, bis wir die Straßen der Stadt erreichen. George führt uns an einen Ort, an dem wir den Blick auf die Altstadt und ihre alten Steingebäude genießen können, die sich zwischen vier Hügeln aneinander schmiegen. Unser Ziel sticht prominent hervor – das historische Grab von Abraham/Ibrahim und Sarah, von Isaac und Rebekka, von Jakob und Lea, umringt von hohen Steinwänden, die vor zweitausend Jahren errichtet wurden.

Während wir vor dem Grab auf das Ende eines Gottesdienstes warten, taucht eine Gruppe Schülerinnen auf. Sie lächeln und stellen uns viele Fragen, um ihr Englisch zu trainieren. Kurz danach betreten wir das Grab, einen Ehrfurcht gebietenden Ort, der drei Generationen von Männern und Frauen die Ehre erweist. Es ist eine uralte Legende, dass hier unten in der Höhle der Eingang zum Garten Eden liegt. Adam entdeckte ihn durch seinen süßen Geruch und begrub Eva an diesem Ort. Viele Generationen später wiederholt sich die Geschichte mit Abraham und Sarah. Und als Abraham hier zur letzten Ruhe gebettet wird, kommen seine Söhne Ismael und Isaac hier zusammen, ein Hinweis auf eine mögliche Versöhnung.

So möge es sein! Und mögen die Reisenden und Pilger, die diesem alten Pfad folgen, ebenfalls zum Andenken an unsere gemeinsame Menschlichkeit beitragen; an das dringende Bedürfnis für Gerechtigkeit und Frieden, jeder auf seine eigene, kleine Art und Weise! Schritt für Schritt … mögen wir alle dorthin gelangen!